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Neues Bundesfilmfestival in Fuldabrück

Doppelte Premiere für den BDFA

Neues Bundesfilmfestival erstmalig am Austragungsort Fuldabrück

TEXT UND FOTOS: HANS-WERNER KREIDNER

Am Wochenende nach Ostern, vom 21. bis 23. April 2017, fand im hessischen Fuldabrück für den BDFA eine ganz besondere Uraufführung statt. Start in ein neues Zeitalter des Wettbewerbs in Form von nur noch fünf Bundesfilmfestivals (BFF). Das erste von drei neuen BFFs für den Dokumentarischen Film hatte seine Premiere an einem neuen Austragungsort: das Bürgerhaus Bergshausen in der Gemeinde Fuldabrück nahe Kassel. Einstimmend flimmerte ein pfiffiger Trailer über die Leinwand, der den neuen BFF-Zuschnitt markierte. Die 43 Kurzfilme spiegelten die große Vielfalt des Dokumentarischen Films wider. So konnte das Publikum bei einem entspannten Festivals mehr Themen und abenteuerliche Geschichten erleben, als dies zur früheren DOKU möglich war. Das steigerte deutlich die Attraktivität. Das BFF war geprägt von einer breiten Qualitätsspitze! Letztendlich stachen zwei Reisefilme der Jury ins Auge und verdientermaßen ausgezeichnet mit Gold-Medaillen: „Ilulissat - Westgrönland“ von Wolfgang Volker, Foto-Film-Club Bayer Uerdingen, und „Den General muss man essen“ von Peter Schellhorn, Film und Videofreunde in der VHS Neu Isenburg.

  • Bürgerhaus BergshausenBürgerhaus Bergshausen
  • Bürgersaal am SamstagBürgersaal am Samstag
  • Die JuryDie Jury
  • Fuldabrück mit Brücke der A44Fuldabrück mit Brücke der A44
  • Goldmedalie für Peter SchellhornGoldmedalie für Peter Schellhorn
  • Goldmedalie für Wolfgang VolkerGoldmedalie für Wolfgang Volker

 

„Süß-sauer“ servierte Lebensweisheiten

Weshalb waren es außergewöhnliche Filme? Letzterer Filmemacher hat sich für sein Reisesujet etwas Besonderes einfallen lassen: Lebensweisheiten von Konfuzius lenken sinnreich durch den gesamten Film, der in besonderen Bildern das Geheimnis Chinas in „chaotischer Harmonie“ aus seiner speziellen Sicht erzählt. Das alles hat Autor Peter Schellhorn launig-verschmitzt „süß-sauer serviert“ und beweist damit, wie Reisegeschichten gekonnt mit Leben erfüllt werden. Das Geheimnis des Titels lüftet der Autor erst ganz am Ende, als klar wird, es handelt sich um eine chinesische Redewendung. Ein Film von sehr hohem Unterhaltungswert! Rundum begeisterte auch die persönliche Annäherung an Grönland im Film von Wolfgang Volker. Ein informativer und exzellent bildhafter Reisebericht, dramaturgisch sehr geschickt aufgebaut mit vielen kleinen Höhepunkten, die mit einem spektakulären Gletscherabbruch gipfeln.

Historischer Exkurs und Insel-Träume

Bemerkenswert sind folgende drei Silbermedaillen-Filme, die wie die beiden Gold-Filme auf den Deutschen Filmfestspielen in Radolfzell nochmals zu erleben sind: Jürgen Richarz vom FUTURA Filmclub Düsseldorf nimmt in seinem Film „Ein Viertel Frankreich“ den Zuschauer auf der zur Bretagne gehörenden Atlantik-Insel Ile de Sein mit auf einen historischen Exkurs. Die gut recherchierte Geschichte, in der heutige und historische Bilder geschickt miteinander verwoben sind, baut bewusst einen Spannungsbogen auf. Eine Doku, die ein Stück Zeitgeschichte Frankreichs vermittelt.
Gerhard Amm vom Film- und Videoclub 88 Nürnberg/Fürth zeigt eindrucksvoll ein gut strukturiertes Inselporträt „La Palma – ein kleines Paradies“. Schlaglichtartig machen Besonderheiten der Insel neugierig. Der Film des versierten Filmemachers besticht durch exzellente Aufnahmen, einen informativen Kommentar eines Profisprechers und abgerundet durch gezielt eingesetzte Musik. Auch ohne persönliche Schilderungen versteht es der Autor vorzüglich, Träume zu produzieren.

Soziales Thema: Gelebte Inklusion

Helmut Schilling vom Filmclub Bad Lippspringe stellt Behinderte vor, die in einem Inklusionsprojekt zusammen mit einem Amateurtheater ein Stück erarbeiten und aufführen. Seine Doku „Wir sind zwar behindert, aber nicht bekloppt!“, die gleich zu Anfang einen Protagonisten zitiert, bringt mit Spürsinn ein wichtiges soziales Thema dem Zuschauer lebendig nahe. Eindrucksvoll erlebbar wird die Begeisterung aller Beteiligten, weil die Protagonisten aus ihrer Perspektive erzählen. Gut beobachtet, zeigt der Film die Gruppendynamik bei diesem Projekt der Lebenshilfe mit einer Theatergruppe.

Einfühlsamer Weg ins Leben zurück

Den Ehrenpreis des Landrates gewannen Dr. Cord & Doris von Restorff, Karlsruher FuVC, für den Publikumsliebling „Bei den Bergvölkern im Norden Vietnams“. Ausgezeichnet mit dem Sonderpreis der Gemeinde Fuldabrück wurde Dietmar Schürtz, FiViA Berlin, für „Glück ist das Geheimnis der Zufriedenheit". Die Reportage lässt miterleben, wie an Depressionen Leidende im Theaterspiel den Weg ins Leben zurück finden. Die Begründung der Jury: „Der Film ist eine außergewöhnliche Leistung, da er ein wichtiges und sensibles Thema ehrlich, offen und einfühlsam für ein größeres Publikum darstellt.“

Wenige Zeichen der Zeit

Gesellschaftlich relevante Filme gab es nur wenige. „Wir singen wie es uns gefällt“ gehört dazu. Die gelungene Collage von Manfred Hennig, Videofilmer Senftenberg, ist ein hochaktueller Film, der für die Zeichen der Zeit steht, sich dem Terror nicht zu beugen. Durch authentische Bildsprache beeindruckte die Reportage „IMBISS“ von Weimarer Studenten: Beobachtungen auf der Insel Lesbos, wo eine griechische Familie einen florierenden Kiosk für Flüchtlinge aus Kriegsgebieten betreibt.

Mit virtuoser Kamera eingefangen

Einige Silbermedaillen-Filme sollen als thematische Schlaglichter kurz erwähnt werden. Robert Becker vom Filmclub Offenbach, der in „Pasta e Pesce“ hinter die Kulissen eines Restaurants in der Toskana blickt, fängt mit virtuoser Kamera italienische Lebensart eindrucksvoll ein, kommentarlos. Anschaulich, kurz und gut die Doku „Brunelleschis Wunder“ von Alexander Wuttke, Siegburger Filmclub, über die Kuppel-Konstruktion der Kathedrale in Florenz. Auch wenn ein rundes Drittel aller Filme Reisefilme waren, die Themenvielfalt war erstaunlich groß. Die Bandbreite reichte vom Heimatfilm und dem Porträt eines Schützenscheibenmalers über nicht ganz alltägliche Sportereignisse und das Gefühl bei der Ersteigung eines Vulkans bis zur Symbiose von Architektur und Kunst. Im Fokus zweier Filme standen „Königinnen“: eine musikalische (die Orgel) und eine fliegende (ein russischer Doppeldecker), die sich in die Lüfte der Voralpen erhob. Neben Zeitdokumenten der Lokalchronik erfreute ein lebendiger Familienfilm, bei dem die Spontanität Regie führte: ein Vierjähriger hat mit seinem Opa Spaß an physikalischen Experimenten.
Manfred Rieps satirische Betrachtung „HEI LEIDS“ um den Obelisk 2015 setzte selbstironisch einen witzig-schrägen BDFA-internen Schlusspunkt.

Konstruktive Hinweise der Juroren

Die Jury musste in ihrer Beurteilung unterschiedlichsten Werken gerecht werden. Eine Herausforderung, weil man Äpfel mit Birnen schlecht vergleichen kann. Einige Filme wären auf einem BFF verzichtbar gewesen, weil sie ratlos zurückließen, ohne Anspruch waren, oberflächlich, emotionslos.

Die Juroren Dr. Walter Baust (Wiesbaden), Dr. Fank Dietrich (Senftenberg), Riccardo Kaufmann (Erfurt), Eva Schulmeyer (Ludwigsburg) und Bernhard Zimmermann (Düsseldorf) diskutierten alle Filme ausführlich, lebhaft und konstruktiv. Der erfahrene Juryleiter Dr. Stephan Vogel (Wiesbaden) verstand es gezielt nachzufragen und bei polarisierenden Filmen nachzuhaken. Autoren und Zuschauer erhielten durch die anregende Diskussion wertvolle Hinweise.

Von Brückenschlag und Frischluft

Landrat und Bürgermeister waren sehr angetan, ein solches bundesweites Ereignis in ihrer Gemeinde zu haben. Bürgermeister Dieter Lengemann schilderte, wie der Ort zu seinem Namen kam. Gelegen am Fluss Fulda, war die Gemeinde im Zuge der Gebietsreform 1972 durch einen „Brückenschlag“ entstanden und so zu ihrem Namen Fuldabrück gekommen. Mit launigen Worten erläuterte der Bürgermeister die CO²-Anlage im Saal, die Müdigkeitsvorbeugend die Juroren mit Frischluft versorgt.

Der Landrat des Kreises Kassel, Uwe Schmidt, hofft auf eine Festival-Neuauflage im nächsten Jahr. Jedenfalls animierte er schon mal die Filmemacher, die diesjährige „documenta“ in Kassel zu besuchen und einen Film zu drehen. Er würde sich sehr freuen, 2018 tolle Filme sehen zu können. „Wir sind gern wieder Gastgeber und bereit“, so der Landrat, „das Festival finanziell weiter zu unterstützen“.

BFF-Ausrichter Norbert Lippe dankte Landkreis und Gemeinde für das großzügige Engagement, der Jury und allen Helfern für ihren Einsatz. Norbert Lippe war sichtlich anzumerken, welche Last von ihm am Ende eines erstmals erfolgreich über die Bühne gebrachten Festivals abgefallen ist. „Wir werden noch einiges verbessern“, kündigte der Landesvorsitzende des BDFA Hessen an.

Länderübergreifendes Engagement

Genannt werden muss – und das ist bemerkenswert - die länderübergreifende BFF-Arbeitsgemeinschaft aus Hessen, Thüringen und Baden-Württemberg mit früheren Ausrichtern von DOKU und FantEx, die den Hessen engagiert unter die Arme griffen. Jürgen Wisner und Petra Estel aus Bad Liebenstein zeichneten verantwortlich für Programmgestaltung, Projektion und Ansage. Der Ton lag in den Händen von Lutz Schulmeyer aus Ludwigsburg. Gerade Jürgen Wisner hatte eine Riesenaufgabe zu stemmen, und dann versagte ihm sein Rechner eine Woche zuvor noch den Dienst. Aber der mit allen Wassern gewaschene Thüringer Landeschef hatte bisher noch für jedes Problem eine Lösung…
Ein Filmfreund aus Wiesbaden brachte die BFF-Premiere lakonisch auf den Punkt: „Freitag habe ich ein Dorf angetroffen, jetzt verlasse ich ein großstädtisches Ereignis.“